Studentenrevolte 1968

Ihre Unschuld verlor die Studentenrevolte, als 1967 Benno Ohnesorg erschossen wurde. Bei einer Protestversammlung auf dem Campus der Feien Universität Berlin zeigten die Demonstranten noch ihre streitbare Einheit wie bei einer Sitzung des Studentenparlaments und einem Aufmarsch gegen dien Vietnamkrieg.

Kampf dem Imperialismus: Was als Aufbegehren gegen bürgerliche Werte begann, endete in Straßenschlachten, Terror und Morden. Die Revolte bediente sich zunächst am Symbolvorrat des politischen Widerstands.

Der Student Rudi Dutschke rief dazu auf, die Spielregeln des repressiven Staates zu durchbrechen und seine Anordnungen zu mißachten.

Dutschke

Und es waren die Vereinigten Staaten, die Dutschke und den Seinen die Waffen geliefert hatten: Im Februar 1960 hatten vier schwarze Studenten in einem Woolworth-Kaufhaus in Greenboro, North Carolina, an einer Theke Platz genommen, die für Weiße reserviert war. Von da an organisierte der Congress for Racial Equality(CORE) eine Welle von Sit-ins in Bars und Restaurants, um das Ende der Rassentrennung zu erzwingen. Studenten, die an Martin Luther Kings Friedensmärschen teilgenommen hatten, gründeten das Student Nonviolent Coordinating Committee und überfluteten das Land mit einer Welle von demonstrativen Regelverletzungen, die auf die Aufhebung der Rassentrennung bezogen waren: Freedom Rides in Bussen, Wade-ins in für Weiße reservierte Badeanstalten, Pray-ins in weißen Kirchen, Stand-ins in segregierten Theatern, Love-ins in öffentlichen Parks und Go-ins in Veranstaltungen aller Art.

Im April 1968 wurde Martin Luther King in Memphis, Tennessee, erschossen. Kurz darauf beging ein Anschlußtäter das Attentat auf Rudi Dutschke, das die Anti-Springer-Demonstationen auslöste. Im Mai brach in Paris der Aufstand aus und verhalf der Phantasie an die Macht. Vor ihr floh Präsident de Gaulle am 31. Mai ins Ausland. Diese globale Gleichzeitigkeit erweckte den Eindruck, daß sich eine große historische Tendenz Bahn brach. Zwischen Berkeley, Paris und Berlin stellte sich atmosphärischer Gleichklang her. Die Regelverletzungen, die die Amerikaner aus der Tradition des zivilen Ungehorsams à la Thoreau entwickelt hatten, wurden weltweit kopiert.

Zum ersten Mal seit dem Krieg waren die Deutschen Teil einer globalen Stimmungsgemeinschaft. Für die deutschen Studenten entsprach dieser Internationalismus aber nicht nur dem marxistischen Programm, sondern verhieß auch die Erlösung aus einer finsteren Vergangenheit. Man stilisierte die bürgerliche Demokratie als faschistisch, um die eigenen Happenings als antifaschistischen Widerstand inszenieren zu können. Wer diese Rolle später partout nicht aufgeben wollte, wurde Terrorist.

Die Studenten gingen erstmals mit Pflastersteinen gegen die Staatsgewalt vor. Der Protest nahm draußen an Gewalt zu, die Utopie einer versöhnten Gesellschaft hingegen verzog in die eigenen vier Wände der Kommune.

Nieder mit dem Establishment hieß es. Die Studentenrevolte war eine Kulturrevolution. Niemals zuvor war die Polizei im Nachkriegsdeutschland mit so großen gewaltbereiten Massen zusammengestoßen.

Eine neue Ära wurde eingeleitet. die autoritären Formen der Selbstdarstellung wurden entwertet und die symbolischen Grenzen in Frage gestellt, die die ganz öffentliche Kultur organisierten. In diesem Exzeß ist die wilhelminische Prägung der Deutschen untergegangen. Der zackige Ton, die Kommandosprache in Behörden und Schulen, das pompöse Imponiergehabe der Professoren, das priesterliche Weihepathos der Festreden - van da an waren sie unmöglich geworden. Dem wurde alles Teutomane, alles Romantische und wagnerhaft Deutsche gleich mitgeopfert.  Als typisch deutsch zu wirken galt von da an als beschämend. Das nationale Pathos verfiel der Lächerlichkeit.