1964 liegt das Ende des Zweiten Weltkriegs noch nicht so lange zurück wie die Wiedervereinigung heute. US-Präsident Lyndon B. Johnson erhält in jenem Jahr vom Kongress die Vollmacht zur amerikanischen Beteiligung am Vietnamkrieg. In Südafrika wandert Nelson Mandela wegen "Subversion und Sabotage" für Jahrzehnte ins Gefängnis. In England veröffentlichen die Rolling Stones ihre erste Langspielplatte. Und die Deutschen? Sie führen im Westen ihres geteilten Landes den Zebrastreifen ein, im Osten die Reisefreiheit für Rentner. Und zusammen setzen sie so viele Kinder in die Welt, wie nie zuvor und niemals wieder in der Nachkriegsgeschichte.

1.357.304 Babys werden 1964 geboren, lebend, denn nur so zählen sie für die Statistiker. Das sind jeden Tag 3708, jede Stunde 155. Heute ist die Geburtenrate von damals halbiert. Männer, die in diesen Tagen 50 werden, heißen meistens Michael, Andreas, Stefan oder Thomas. Bei den 50-jährigen Frauen führen Sabine, Martina, Heike und Susanne die Liste der häufigsten Vornamen an. Es ist die Generation der Vielen, der "Babyboomer", wie sie später genannt werden wird. Gemeint sind vor allem die Jahrgänge 1960 bis 1968, in denen die Geburtenrate jeweils bei über 1,2 Millionen liegt. 1964 ist der absolute Höhepunkt erreicht, vier Jahre später setzt die Anti-Baby-Pille dem Boom ein jähes Ende.

Doch vor einem halben Jahrhundert sind die Schulklassen auch ohne den Rekord-Jahrgang schon brechend voll. Über 40 Kinder in einem Unterrichtsraum sind nicht die Ausnahme. Es ist die Regel. Es gibt kein Facebook, aber es gibt die Straße, die noch nicht so verstopft ist mit Autos wie heute. Am Nachmittag wird gespielt, getobt, gebolzt, am heftigsten in den Neubausiedlungen, von denen es nie wieder so viele geben wird wie in dieser Zeit.

Statussymbol der Heranwachsenden ist nicht das Handy, sondern das Fahrrad. Es geht laut zu, die Älteren im Land stöhnen, auch wegen der ganzen Dumme-Jungen-Streiche. Nur am Wochenende, wenn "Daktari" (samstags um 17.45 Uhr im Zweiten) oder "Bonanza" (sonntags um 18.10 Uhr, ebenfalls ZDF) im Fernsehen laufen, ist "draußen" vergessen. Sendungen wie "Wünsch dir was" oder "Einer wird gewinnen" versammeln regelmäßig die ganze Familie vor der Mattscheibe. Es ist eine Zeit des starken Miteinanders, des Eng-Zusammenrückens. Später, in der Ausbildung und im Job, gilt es für die Jungen dagegen, in der Masse nicht unterzugehen.

Die Weltwirtschaft wächst 1964 um sagenhafte 7,3 Prozent. Am 10. September 1964 wird der verdatterte Armando Rodrigues de Sá aus Portugal bei seiner Ankunft am Köln-Deutzer Bahnhof als einmillionster Gastarbeiter stürmisch gefeiert und mit einem Moped bedacht. Kein Wunder, dass die Eltern der Babyboomer ihren Kindern die Zukunft in leuchtenden Farben ausmalen. Alles scheint möglich: Reisen, ein eigenes Auto, das Eigenheim, ein sicherer, gut bezahlter Arbeitsplatz. Dass Menschen auf dem Mond landen. Die Eltern der Babyboomer sind zugleich die, die Helmut Kohl 1983 als jene unbeschwerte Deutsche beschreiben wird, denen die "Gnade der späten Geburt" zuteilwurde: Männer und Frauen, um 1930 geboren und somit kaum mitschuldig an den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Hier nun liegt einer der Schlüssel zum Selbstverständnis der 1964 Geborenen, das sich so sehr von dem der rebellischen "68er" unterscheidet, die anderthalb Dekaden zuvor das Licht der Welt erblickt hatten. Die Babyboomer haben einfach weniger Gründe, aufzubegehren gegen die Altvorderen, die in Teilen eine Generation von Tätern oder Mitläufern gewesen war. Die dunkle Vergangenheit betrifft sie nicht mehr unmittelbar. In der Welt, in der sie leben, lässt es sich vielmehr gut aushalten, sie ist überschaubar und erstaunlich konstant: Der VW Golf bleibt 40 Jahre Golf, Helmut Kohl 16  Jahre Kanzler, der Kalte Krieg bleibt kalt, die Mauer 28 Jahre undurchlässig. Und Mainz bleibt Mainz. Kein gesellschaftliches Klima, um Revolutionen vom Zaun zu brechen. Keine große Herausforderung in Sicht, die von vielen gemeinsam gemeistert werden müsste.

Sicher: Schrille Punks tauchen in den 80er und 90er Jahren vermehrt auch in deutschen Innenstädten auf, und die Musik der "Toten Hosen" aus jenen Tagen klingt zweifellos rebellischer als heute. Andererseits konnten nur die behüteten Babyboomer eine – wenn auch kurzlebige – Subkultur der "Popper" hervorbringen, die sich Ende der 70er von Hamburg aus ausbreitete und durch ebenso klassisch wie teuer gekleidete junge Frauen und Männer Aufsehen erregte, die sich betont konformistisch und unpolitisch gaben. Ihr Motto "Sehen und gesehen werden, ist des Poppers Glück auf Erden", zielte gegen jene, die eine konsumkritische oder alternative Lebensform pflegten.

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Promis Sandra Bullock wird im Jahr 2014 50 Jahre altFOTO: ap, Jordan Strauss

"Unser politisches Bewusstsein entwickelte sich spät, dafür stürzten wir uns enthusiastisch in die große Party der 80er Jahre und hatten wirklich jede Menge Spaß!", erinnert sich Rebecca Gablé, Schriftstellerin aus Mönchengladbach und selbst Jahrgang 1964. "Wir waren die Nutznießer der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, die die Studenten- und die Frauenbewegung herbeigeführt hatten, aber nur wenige von uns haben die Fackel weitergetragen."

Natürlich hat jede Generation ihre herausragenden Vertreter, vorangegangene wie nachfolgende. Aber die Generation der Babyboomer besticht durch ihre schiere Masse. Und in Massengesellschaften bestimmt die Mehrheit, wer regiert, was hergestellt und konsumiert wird. Das ist die Macht der Babyboomer. Die Eliten der Babyboomer können daraus einen weiteren wichtigen Vorteil ziehen. Denn meistens verstehen sich die Altersgleichen am besten. Sie haben einen ähnlichen Erfahrungshintergrund, sind mit den gleichen Mythen großgeworden und mussten vergleichbare Hindernisse überwinden.

Wohlgemerkt, es sind die Babyboomer insgesamt, die über so viel Macht verfügen wie kaum eine Generation vor ihnen. Die einzelnen Vertreter des Jahrgangs 1964 sind gar nicht so mächtig. Unter den Politikern ragt allenfalls Ilse Aigner (CSU) hervor, die Wirtschaftsministerin Bayerns, die sich gerade anschickt, die erste Landesmutter des Freistaats zu werden. Neben ihr verfügt nur Michael Vassiliadis, der Chef der mächtigen Gewerkschaft IG Bergbau, über vergleichbaren Einfluss. Und auch "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann dürfte zu den 100 mächtigsten Personen in Deutschland gerechnet werden. Drei von 100 – das ist keine gewaltige Ausbeute für den geburtenstärksten Jahrgang der Bundesrepublik. Von den wichtigsten Wirtschaftslenkern der Republik gehört keiner zum Jahrgang 1964, auch in den Vorständen ist das Rekordjahr eher spärlich vertreten. Die Henkel-Managerin Kathrin Menges bildet die Ausnahme. Die baden-württembergische SPD-Politikerin Ute Vogt, die einst antrat, um dort Ministerpräsidentin zu werden, hat ihren Zenit überschritten.

Besser sieht es bei den übrigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus. Die Schauspieler Ben Becker, Jan Josef Liefers und Martina Gedeck, der Komiker Hape Kerkeling, die Entertainer Johannes B. Kerner und Linda de Mol sowie die Sport-Legenden Jürgen Klinsmann, Jens Weißflog, Michael Gross und Heike Henkel zählen zu den Besten ihres Fachs. Geprägt haben sie ihr Metier in früheren Jahren. Sie genießen jetzt als 50-Jährige ihren Ruhm und sind wie Becker, Gedeck oder Kerkeling noch immer gefragt.

Bei den Babyboomern haben sich die jüngsten Ankömmlinge im Kreis der Arrivierten und Reichen noch nicht durchgesetzt. Die nur leicht schwächeren Jahrgänge werden nachrücken und um die gleichen Plätze konkurrieren. Da bleibt der Jahrgang 1964 nur einer. Aber er kann immer für sich beanspruchen, der zahlenstärkste zu sein.