Meine Schwester Rita

 

Ein besonderes Augenmerk muss ich jedoch auf eine Person in unserer Familie richten, der das Leben zur Hölle gemacht wurde: meine Schwester Rita! Es gibt Dinge, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen.

 

Rita Rainer 50erSie wurde am 24. Juni 1944 als Zwillingsschwester meines Bruders Jürgen geboren. Wir verlebten nach unserer Evakuierung ein bescheidenes Leben. Meine Geschwister lernte ich erst kennen, als ich drei Jahre alt war. Wir wohnten auf der Gertrudenstraße in Münster gegenüber dem Schlaungymnasim. Ich war es nicht gewohnt Geschwister zu haben und mein Vater korrigierte mein herrisches Gehabe mit einer kräftigen Ohrfeige. Mir wurde ganz anders, begriff aber, dass ich meine Geschwister ebenbürtig zu behandeln hatte.

 

Später zogen wir dann, da unsere Wohnung extrem feucht und gesundheitsschädlich war, auf die Grevener Straße. Dort lernten wir im Alter von sieben und acht Jahren (ich bin ein Jahr älter) Fahrradfahren. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon stolzer Besitzer einer „Bilora-Box“ Kamera, mit der ich 9 schwarzweiß Fotos schießen konnte, was mir manchmal auch ganz vortrefflich gelang. Einen Belichtungsmesser gab es noch nicht.

 

Meine Geschwister und ich waren die meiste Zeit zusammen, spielten auf der Straße und in den Trümmern. Spielplätze gab es nicht. Wir fuhren sogar Rollschuh, spielten Schlagball im Hof, wo ich die ersten Fensterscheiben einschmiss.

 

Während ich meinen Schulbesuch bei den Franziskanern in Wadersloh – ich sollte ursprünglich Priester werdenSt Mauritz – und später am Paulinum in Münster abrackerte, besuchte Rita das St.-Mauritz-Gymnasium in Handorf – damals ein reines Mädchengymnasium. Sie fuhr jeden Tag den langen Weg von der Sternstraße 29 in Münster, denn dahin waren wir in der Zwischenzeit verzogen, mit dem Fahrrad, was für sie körperlich sehr anstrengend war. Später erst wurde sie als interne Schülerin aufgenommen und beendete das Gymnasium mit dem Abitur. Zur gleichen Zeit spielte sie auch Geige. Zuhause war sie das Aschenputtel. Für meine Mutter musste sie alle möglichen Hausarbeiten erledigen, was mich maßlos ärgerte.

 Aschenputtel

Wir befanden und zu Beginn der 50er Jahre. Der wirtschaftliche Aufschwung Deutschland fing an zu greifen.

 

Rita studierte Sprachen, während ich meine Sprachkenntnisse später im Ausland perfektionierte. Wir hatten gemeinsam Spaß französisch zu lesen. Das Highlight war die Fabel von LaFontaine: Le corbeau et le renard.

 

Mittlerweile waren wir in die Peter-Wust-Straße 5 in Münster gezogen. Nach wir vor nutzte meine Mutter Rita für die häusliche Arbeiten. Meine Mutter war so erzogen worden und gab sich keine Rechenschaft darüber wie sehr sie meine Schwester beim Studium störte. Auf meinen Widerstand – ich schloss sie einmal einfach aus – reagierte sie wie eine Furie.

 

Zu allem Überfluss verqualmte mein Vater jeden Abend das Schlafzimmer meiner Schwester. Sie schlief im Wohnzimmer. Mein Vater begoss sich jeden Abend mit einer Flasche Schnaps. Er verkonsumierte ¾ einer 7,5-Litter Flasche. Sein Körper hatte sich so sehr an den Alkohol gewöhnt, dass er nicht einmal betrunken war. Darüber hinaus rauchte er die ganze Zeit Zigaretten vor dem Fernseher. Der Raum stank ekelhaft nach Tabak. Zwar lüftete meine Schwester. Trotz allem war der Gestank nicht aus dem Zimmer zu bekommen. Alkohol floss reichlich in unserer Familie, während meine Mutter in die Kirche lief und sich mit Weihwasser beträufelte.

 

HochzeitRita Peter1970 heiratete Rita. Das war der Anfang vom Ende. Die Versklavung ging weiter. Sie ahnte nicht, wie auch ich, wie krank ihr Mann war. Die Feier fand im Schloßgarten von Münster statt. Mein Onkel Horst, der Bruder meiner Mutter, offenbarte uns bei dieser Gelegenheit, dass er sich ein Pferd zugelegt hatte, mit dem er später dann einen eleganten Sturz hinlegte, der ihn dann allerdings wieder unter das Fußvolk brachte. Mein Bruder und ich waren mittlerweile junge Herren, die ihren Anteil zum Gelingen der Feier beitrugen.

 

Peter Felsmann, ihr Ehemann, war ein Spießer aus dem kleinen Ort Dorsten.PeterFelsmann 2016 Dieser Mann litt und leidet auch heute noch unter einem Ödipuskomplex, dessen Auswirkungen die Ursache des Todes meiner Schwester sein sollten. Offensichtlich wurde die ödipale Phase von Peter nicht überwunden. In einer gesunden kindlichen Entwicklung wird sich ein Kind langsam aus der Bindung zur Mutter lösen. Peter aber gelang die Loslösung von seiner Mutter nicht, was zum seelischen Störfaktor wurde. Er blieb in seiner Beziehung zu seiner Mutter nahezu klebrig statt ein Ehepartner darzustellen, der sich um seine Frau kümmerte. Seine Mutter hatte Priorität, richtete sich in dem von ihr finanzierten Haus eine Wohnung ein und war allzeit präsent. Sie kontrollierte sogar die Post meiner Schwester und bestimmte den Tagesablauf. Ritas Freiheitsberaubung war komplett.

 

RitaKinder1983

 

1983 kam ich aus Kanada zurück. Ich fand eine deprimierte Frau vor. Sie weinte. Ihre Kinder waren das einzige Glück, an das sie sich klammerte.

 

1987, kurze Zeit nach dem Tode ihrer Schwiegermutter, starb meine Schwester an Brustkrebs. Krebs war das Symptom. Die Ursache ihres Todes waren Peter und Anni Felsmann.

 1987Kranz