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Johanneum-Kolleg in Wadersloh (bei Beckum)

 

aureliusMit 11 Jahren - also im Jahr 1954 - kam ich auf das Johanneum-Kolleg in Wadersloh, benannt nach dem Gründer des Ordnens der Christlichen Schulbrüder: .

Die Christlichen Schulbrüder - ein katholischer Männerorden, der vornehmlich Laienbrüder aufnimmt - hatten das Grundstück "Hamelbeck" an  der Liesborner Straße von Wadersloh (bei Beckum) im Jahre 1922 erworben. Sie erstellten dort 1925 ein Schulgebäude und verwalteten es bis 1937. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs waren die Menschen verstärkt auf der Suche nach neuen Werten in einem erstarrten Bürgertum. Dazu kam die allgemein schlechte Wirtschaftslage, die die Existenz vieler Menschen bedrohte. Die Jugendbewegung setzte auf das Naturerlebnis fernab des Stadtlebens, das sie als unmoralisch ansah.  In diesem Gesamtrahmen muss man charakteristische Erscheinungen im damaligen Johanneum sehen. Die Schüler trugen einheitliche Kleidung sowohl im Alltag als auch im Sport. Das Tragen langer Hosen war übrigens auch im Winter nicht gestattet. Es galt das idealistische Leitbild: "mens sana in corpore sano".

1930 wurde eine Turnhalle gebaut, die sowohl für den Sport als auch mit ihrer Bühne für Aufführungen, Elterntage und Feste zur Verfügung stand. Im Jahr 1933 ergänzte ein Schwimmbecken die sportlichen Einrichtungen.

In den Jahren 1939 bis 1945 besetzten die Nationalsozialisten das Anwesen. Sie nutzten das Johanneum zur Ausbildung von Volksschullehrern. 

Daran schloß sich in den Jahren 1951 bis 1990 die Schreckensherrschaft der Franziskaner.

RectorPater Aurelius - auch Pater Rector genannt - gründete das Johanneum. Es war sein Lebenswerk. Das Gymnasium war zunächst als ein Progymnasium eingerichtet, das vornehmlich den priesterlichen Nachwuchs fördern sollte. Es unterrichtete zu meiner Zeit etwa 120 Schüler in vier Klassen: Sexta, Quinta, Quarta und Unter-Tertia. Anschließend ging es in Vlodrop/Holland weiter. 

Der Tag hatte Struktur. Wir schliefen in riesigen Schlafsäälen. Morgens um 6.00 Uhr wurden wir geweckt. Wir eilten zu den Waschbecken. In einer Viertelstund mussten wir gewaschen und gekleidet sein. Dann ging es zum Gottesdienst in die Kapelle. Anschließend gab es Frühstück im Refektorium. Nach dem Frühstück um 8.00 Uhr begann der Schulunterricht.

Er dauerte bis Mittag. Dann gab es das Mittagessen unter der Aufsicht der Mönche, die auf einer Empore im Refektorium saßen. (im Bild links: Pater Rector und Pater Heldemar) Die Essen wurden von RefectoriumOrdensschwestern, die ebenfalls im Kloster untergebracht waren, zubereitet. Ihre Kochkünste waren nicht gerade besonders. Wenn aber mal was leckeres auf den Tisch kam, ging der Kampf um die Delikatessen los. Es wurde nachbestellt und jeder wollte am limitierten Vorrat teilhaben.

Nach dem Mittagessen war Ausgang. Wir formten Gruppen, die unter der Leitung eines Gruppenführers durch das Dorf zogen. Nach Rückkehr begann um 15.00 Uhr das Studium. Von 16.00 Uhr bis 17.00 Uhr war Pause und wir trieben uns auf dem Schulhof herum oder spielten Tischtennis. Auf einem Flur im Hause waren Tischtennisplatten aufgestellt. Ich betätigte mich dort eifrig. Es wurden zeitweilig sogar auch Turniere veranstaltet. Wer Kurse im Klavierunterricht genommen hatte, konnte klavierspielen. Die Klaviere waren auf anderen Fluren verteilt. Später kam noch eine Turnhalle hinzu, die von mir ebenfalls fleißig in Anspruch genommen wurde. Bei einem Wettbewerb erzielte ich die höchste Punktzahl im Kolleg.

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Klavierunterricht nahm ich später, übte aber nicht sehr intensiv.

Ich lernte bei meiner Schulzeit im Johanneum-Kolleg auch Schwimmen und übte mich weiterhin fleißig im Sport. Ich kam bei dieser Gelegenheit sogar als Werbung für den Priesternachwuchs mit Bild in die Zeitung. Die alte Turnhalle wurde als Kapelle genutzt. Sport fand im Freien statt, auch die Turngeräte, Reck und Barren, standen unter freiem Himmel.

Um 17.00 Uhr wurde das Studium fortgesetzt. Es endete um 19.00 Uhr. Anschließend trafen wir uns wieder im Refektorium zum Abendessen. Um 20.00 Uhr war Bettzeit. Und so ging es jeden Tag in der Woche.

Das Wochende war mit Augang und Studium gesegnet. Bei längeren Ausflügen über die ländlichen Auen im Umfeld wurden wir gabrielvon den Patres begleitet. Mir gefiel Pater Gabriel sehr gut und ich schloss mich ihm in der Regel an. Den längsten Marsch, den wir mit ihm unternahmen, dauerte fast einen ganzen Tag. Wir legten etw 30 km zurück. Wir machten sogar eine Fotoaufnahme. Die Anstrengungen waren uns ins Gesicht geschrieben. Ich konnte als einziger noch ein müdes Lächeln aufbringen.(siehe Bild: rechts außen) Pater Gabriel war ein freundlicher Mann. Bei ihm befanden wir uns in angenehmer Gesellschaft.

HeldemarPaterGnther"Intra muros" herrschten ansonsten strenge Sitten. Die Kasernierung im Internat schirmte völlig von der Außenwelt ab. Von der Prügelstrafe wurde fleißig Gebrauch gemacht. Hauptakteure waren  Pater Heldemar und Pater Günther. (Arschlöcher Bilder links). Weil ich mir einmal im Refektorium unerlaubtermaßen Marmelade vom Nachbartisch holte, schlug Pater Heldemar derart auf mich ein, daß mein Kopf mit der Stirn auf die Tischkante prallte. Anschließend mußte er sich wieder neu anziehen. Die Kutte war ihm total verrutscht. 

Pater Günther war nicht minder, wenn auch wesentlich seltener, in seiner Gewalttätigkeit. Auch er ersparte mir keine Kostprobe. Nun, ich habe es überlebt und werde nicht vergessen. Mit Sicherheit waren diese Züchtigungen nicht im Sinne des heiligen Fransiskus, dem Gründer des Ordens. Aber Lehre und dessen Ausführung sind zweierlei.

Es darf allerdings nicht vergessen werden, daß unser Lehrpersonal in der Nazi-Zeit erzogen wurde. Offensichtlich waren die alten Methoden in der neuen Epoche noch nicht abgelegt worden. Nach Hitler sollten nur die Stärksten überleben. Nun ich war nicht kaputt zu kriegen. Immerhin waren diese Gewaltakte nicht ohne Einfluß auf meine künftige religiöse Einstellung.

Ich verließ den klösterlichen Verein 1958 und statt nach Vlodrop ging ich auf das Paulinum in Münster. 

Die Lehranstalt wurde 1991 vom Schulverein Johnneum e.V. übernommen. Es wurden weltliche Lehrer eingesetzt, die sich ganzzeitlich für die Schüler und Schülerinnen einsetzen konnten, ohne vom Brevierbeten - wie bei den Franziskanern - abgehalten zu werden. 1970 waren übrigens Mädchen aufgenommen worden, um die Klassen bei dem mittlerweile veralterten Lehrstoff voll zu kriegen.

Das Gymnasium Johanneum Wadersloh ist heute eine private, katholische Schule mit einem der Zeit neu angepaßten Lehrprogramm. Es besuchten im Schuljahr 2002/2003 insgesamt 733 Schüler und Schülerinnen die Schule. 

Im Jahre 2000 konnten das Johanneum-Kolleg sein 75-jähriges Jubiläum feiern. Nach einer Restaurierung des Altbaus in den Jahren 1995/96 wurden helle und modernisierte Klassenräume geschaffen. Daneben liegen im Altbau die Fachräume für Kunst, Musik und unser Medienzentrum mit Schulbücherei und Computern (15 in 2000) mit Internetanschluß. Im 1964/65 erstellten Neubau haben die jüngern Schüler und Schülerinnen ihre Klassenräume.  Dort befinden sich auch die Aula sowie die Verwaltung der Schule. "Ende gut, Alles gut" kann ich da nur sagen.

Wadersloh