Rainer1943Freitag, den 7. Mai1943 wurde ich in Reichenbach/Schlesien geboren.

Es war Krieg. Im Kessel von Stalingrad war im Januar die 6. Armee Deutschlands untergegangen. Im Februar hatte Popagandeminister Joseph Goebbels mit aufpeitschender Rede zur Mobilisierung der letzten Reserven für den Krieg aufgerufen. Niederlagen gab es jedoch an allen Fronten.

  • Im gleichen Jahr startete Frank Sinatra seine Karriere.
  • Liz Taylor startete ihren ersten "Lassy"-Film und in Basel wurde das LSD (Lysergsäuredyethylamid) entdeckt.

Vati war beireits verwundet worden. Ein Scharfschütze hatte ihm in die Ferse geschossen. Er wurde glücklicherweise von der Ostfront zurückgezogen und überlebte.

In Frankreich werden im Widerstand gegen die Tyrannei  im Theater Satres "Fliegen" aufgeführt. Staint-Exupery veröffentlicht das Märchen "Der kleine Prinz". Es schildert wie Einsamkeit durch Freundschaft aufgehoben wird.

Das folgende Jahr brachte weitere trubulente Ereignisse. Es erfolgte am 6. Juni 1944 die Invasion in der Normandie. 

  • Thomas Mann erhielt im gleichen Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft. Ich zitierte ihn häufig: "Oft ist das Erzählen nur ein Substitut für Dinge, die wir selbst oder der Himmel uns verwehren." 

1944wirDreiDas freudige Ereignis in unserer Familie war die Geburt meiner Geschwister: Rita und Hans-Jürgen. Sie kamen am Samstag, den 24. June 1944 auf die Welt. Meine Mutter mußte wohl eine Vorliebe für Geburten am Wochenende haben. 

Ich war also nicht mehr allein und begleitete meine Geschwister bei den Spaziergängen.

Es schien als waren wir fern von allem Kriegsgeschehen. Am 20. Juli mißglückte das Attentat auf Hitler. Am 25. Juli kam Charles de Gaulle aus seinem Exil in England nach Frankreich zurück. Und im darauffolgenden Jahr ging dem Deutschen Reich die Puste aus. Hitler beendete sein Leben am 30. April 1945.

In diesem Jahr begann der Flüchtlingsstrom. Wir evakuierten in Richtung Münster. Meine Mutter nahm meine Geschwister mit sich und wurde in Westbevern auf dem elterlichen Gehöft meines Vaters untergebracht. Meine Großeltern und ich landeten ein Jahr später in Neuenhuntorf nahe Oldenburg auf einem Bauernhof, direkt an der Hunte:

Dort führte ich ein sorgenfreies Leben auf einem Bauernhof. Wir lebten in einer kleinen Wohnung zusammen mit meiner Tante Berta. Sie war sehr betrübt über unser Geschick und betete jeden Abend allein vor ihrem Bett. Es gab auch noch eine Tante Anni. Sie war vor Hunger gestorben. Wir besuchten sie auf dem Friedhof von Neuenhuntorf. Beide Tanten waren Schwestern meines Großvaters.

Ich selber vergnügte mich auf dem Hof, fing Frösche, verjagte die Schweine und wurde vom Landwirt einmal auf ein Pferd gesetzt. Mir wurde fast schwindelig. Weiter beobachtete ich die Pferde im Stall, war bei den Schlachtfesten dabei und beobachtete von meinem Fenster wie wieder einmal ersoffene Kühe aus der Hunte gezogen wurden.

Mein schönes Leben hörte jedoch plötzlich auf. Ich war etwa drei Jahre alt. Eines Tages kam eine junge Frau auf unseren Hof. Meine Großeltern waren sehr erfreut über ihren Besuch und widmeten ihr zu meinem Verdruß alle Aufmerksamkeit. Ich war plötzlich nicht mehr der Mittelpunkt des Geschehens. Als diese junge Dame dann noch äußerte, mich mitzunehmen, war ich sehr erbost. "Soweit kommt das noch!" tönte ich.

Nun es war meine Mutter. Sie nahm mich jedoch erst später mit nach Münster, wo ich meinen Vater kennen lernte und die erste Ohrfeige erhielt. Ich lernte ebenfalls meine Geschwister kennen und gewöhnte mich an meine neuen Spielgefährten.

Münster gefiel mir gut. Es war nichts als ein riesiger Trümmerhaufen mit jeder Menge Spielplatz. Man konnte vom Prinzipalmarkt bis zum Bahnhof blicken. Meine Mutter und ich standen einmal nahe der Lambertikirche - die Kirche stand noch - und erlebten den herrlichen Ausblick. Hinterher wurde allerdings alles wieder aufgebaut und Münster erschien in seinem alten Glanz.